Der Onkel mit dem FahrradWenn man viele Kilometer im Jahr mit dem Rad unterwegs ist, kommt es zu der ein oder anderen – ich nenne es jetzt mal neutral – Begegnung. Per Definition ist eine Begnung die starke Verringerung des räumlichen Abstands zweier Objekte oder Subjekte. Bei einer zu starken Verringerung des räumlichen Abstands kann es zu einem Konflikt, mindestens aber zu einer gewissen Emotionalisierung (Ärger) kommen. Mein Verhalten bei solchen Begegnungen habe ich im Laufe der Jahre verändert.

Die Begegnungen, die man als Radfahrer haben kann, sind vielfältig. Vom Autofahrer, über andere Radfahrer, Läufer bis hin zum Fußgänger mit und ohne Hund ist alles dabei. Über alle hab ich mich schon gewaltig geärgert, laut geflucht und ja, wohl auch übertrieben aufgeregt, denn falsch verhalten sich ja immer nur die anderen. 😉

Es bringt nichts

Es hat einige Zeit gedauert, bis ich festgestellt habe, dass das nicht viel bringt. Zum einen führt eine „verbale Eskalation“ mit anderen Verkehrsteilnehmern in den seltensten Fällen dazu, dass dieser seinen Fehler einsieht. Im Gegenteil – wird man laut oder gar beleidigend, geht die Gegenseite reflexartig auf Angriff über. Das führt zu gar nichts. Zum anderen begleitet mich so ein negatives Zusammentreffen den Rest des Weges, ich hänge der Situation in Gedanken nach und komme schlechtestenfalls nicht sehr gut gelaunt zu Hause an.

Zugegeben, manchmal braucht man schon sehr viel Geduld. Da fährt man an einer Reihe parkender Autos vorbei und plötzlich wird eine Autotüre weit aufgerissen. Schreck und Fluch liegen da sehr nahe beinander. Man muss sich schon sehr in der Gewalt haben, um da nicht aus der Haut zu fahren. Vielleicht hilft es da ein bisschen, wenn man bedenkt, dass das bestimmt nicht mit Absicht geschah. Denn welcher Autofahrer möchte schon, dass ein Radfahrer in seine Türe kracht?

Fehler machen alle

Und es sind natürlich nicht nur die Autofahrer, bei denen man unliebsame Überraschungen erleben kann. Erst gestern fuhr vor mir ein Radfahrer, den ich gerade links überholen wollte, als dieser vollkommen unerwartet einen Schlenker nach links machte – wohl um einen Kanaldeckel auszuweichen. Ein „uih, uih, uih, da war aber knapp“ meinerseits, ließ ihn zumindest entschuldigend die Hand heben. Und ich glaube, er war genauso erschrocken wie ich. In einer ganz ähnlichen Situation, bei der ich deutlich lauter und aggressiver reagiert hatte, war die Reaktion genau gegenteilig gewesen: „Ja, bist Du denn bekloppt, hier wie ein Verrückter an mir vorbeizuknallen.“

Naturgemäß wird Geschwindigkeit von jedem Verkehrsteilnehmer anders empfunden. Wenn ich mit 20 km/h mit meinem Rennrad an jemanden vorbeifahre, dann kommt mir das sehr langsam vor. Der Spaziergänger aber empfindet diese Geschwindigkeit vielleicht als Affenzahn, weil er mich gar nicht bemerkt hat.

Besondere Freude kommt auch auf, wenn der Weg auf einmal durch eine 10 Meter lange Hundeleine gesperrt ist. Der Hund auf der einen, der Hundebesitzer auf der anderen Seite. Vollsperrung! Dies kann aber noch gesteigert werden. Ein Hundebesitzer mit zwei Hunden, die jeweils an zwei 10-Meter-Leinen Gassi geführt werden. Aber selbst die Situation ist schon getoppt worden. Das war der Fall, als eben jener Hundebesitzer mit den zwei Hunden und seinen zwei 10-Meter-Leinen mich vorwurfsvoll anschaute, um mir mit seinem Blick zu sagen, warum ich denn ausgerechnet jetzt um diese Zeit hier lang fahren muss … Da hilft nur eins: Bremsen, ein freundliches Nicken und darauf hoffen, dass der Weg möglichst schnell wieder frei gegeben wird. 🙂

Ruhiger ist souveräner

Jede Konfrontation mit anderen Verkehrsteilnehmern stimmt mich negativ und raubt mir Energie, die ich beim Radfahren sammele. Ein Lächeln, ein Gruß, ein höfliches Wort bewirkt mehr als  jeder laut geäußerte Ärger, selbst wenn er noch so berechtigt ist. Und souveräner ist es allemal .

Im letzten Herbst traf ich auf eine Frau, die mit einem großen, kräftigen Hund auf dem Radweg spazieren ging. Ich reduzierte deutlich mein Tempo und rollte langsam heran. Ganz aufgeregt rief sie ihrem auf der anderen Seite des Weges trottenden Vierbeiner zu, er solle stehen bleiben. Dieser tat wie ihm geheißen. Ganz ruhig blickte sich der Hund nach mir um und folgte mir mit seinen Blicken. Als ich vorbei war, trottete er weiter. Zur Hundebesitzerin, die immer noch recht aufgeregt war, drehte ich mich um und sagte: „Na, das macht der doch besser als die meisten Menschen.“ Sie strahlte über das ganze Gesicht, vollkommen verzückt wandte sie sich ihrem Hund zu und sagte: „Hast Du gehört, was der Onkel mit dem Fahrrad zu Dir gesagt hat?!“

Hätte eine andere Reaktion, etwas gebracht? Das ist ein Radweg, oder so … Wohl nein! Den „Onkel“ hab ich zwar als nicht sonderlich schmeichelhaft empfunden und er hat mich schon ein bisschen ins Nachdenken gebracht, wie ich denn wohl auf dem Rad rüberkomme, aber okay, ich weiß ja, wie es wohl gemeint war.

Das war heute ein bisschen wie das späte Wort zum Sonntag.

Beitragsbild: Christian Müller – Fotolia.com

 

7 thoughts on “Der Onkel mit dem Fahrrad

  1. Cool Joas, sehr anschaulich geschrieben und ich kann mir vorstellen, wie der Puls da hoch gehen kann. Aber in der Ruhe liegt die Kraft und Souveränität steht Dir deutlich besser! LG Michael

     
  2. Pingback: Die Velo-Links am Montag (59) - Ciclista.net - der Radsportblog

  3. Grundsätzlich richtig und nachahmenswert. Aber was machen bei dem Autofahrer, der letzte Woche laut hupend mit viel zu knappem Abstand an unsere Gruppe vorbei raste? Und das obwohl die Straße komplett frei war.

     
    • Kenn ich, weiß ich, Gigi 🙁 Aber ich glaube, wenn ich mich aufrege und denen den Stinkefinger zeige, dann haben sie womöglich genau das erreicht, was sie wollten.

       
  4. Danke für den deeskalierenden Artikel!

    Der Beitrag spricht mir aus dem Herzen. Ich bin (leider) auch einer von den Radfahrern, die sich schnell laut aufregen und diesen Ärger (der ja nix bringt) noch eine ganze Weile mit sich rumtragen. An eine Situation kann ich mich besonders gut erinnern: Ein Füßgänger lief auf dem Radweg und reagierte nicht auf mein mehrfaches Klingeln. Als ich ihn dann mit energischem “Hallo!” anrief bekam ich in einem recht unverschämten Tonfall zu hören warum ich denn nicht klingele. Ddurch wiederum liess ich mich zu einem “Das habe ich doch Du Penner” hinreissen. Als ich weiterfuhr hörte ich ihn noch schimpfen “Ich gib dir gleich Penner”. Da der nun aber doppelt so breit und groß war wie ich, bin ich erstmal weitergefahren ;o) Ein paar Minuten später bin ich dann aber umgekehrt und habe ihn angesprochen und mich für den “Penner” entschuldigt. Er war echt überrascht und meinte noch, dass ein bisschen mehr Gelassenheit der Gesundheit gut täte. Auch wenn er das vielleicht im Hinblick auf seine körperliche Überlegenheit gemeint haben sollte, so hat er in jedem Fall Recht! Auf jeden Fall haben wir uns freundlich voneinander verabschiedet.

     
  5. Markus, das ist genau, was ich meine. Schönes Beispiel. Es ist mir übrigens ähnlich auch schon so gegangen.

     

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